Inniges gebet

Wie Kurzgebete im Alltag Kraft freisetzen

Wenn der Alltag an den Kräften zehrt, dann kann das Gebet Kraft spenden. Sieben Tipps für das Gespräch mit Gott. 

1. Menschen segnen

Im Wort „segnen“ steckt die lateinische Form „benedicare“, was so viel wie „gut sagen“ bedeutet. Wenn wir andere segnen, erbitten wir Gutes von Gott für sie, sagen ihnen Gottes gute Begleitung zu. Es ist Gottes ausdrücklicher Wille, dass von uns Segen und Leben ausgeht. Segnen ist die beste Medizin gegen meine Beteiligung am Firmenklatsch, der sich vom Getuschel, Unterstellungen und Geläster nährt. Ganz praktisch sieht das so aus, dass ich zwischendurch bei den Personen, denen ich gerade begegne, still zu Gott sage: „Jesus, segne Sven“, „Herr, du weißt, was William braucht“.

2. Kleinigkeiten für Jesus

In jedem Unternehmen sind die Arbeitsabläufe klar geregelt. Jeder weiß, was er zu tun hat. Da kann es dann durchaus positiv irritieren, wenn man von sich aus bereit ist, Kleinigkeiten für Jesus und den Mitmenschen zu tun, die diesen Rahmen sprengen. Diese geistliche Übung geht auf Thérèse von Lisieux (1873-1897) zurück und heißt in meinem Fall: Wenn es sich ergibt, lege ich die Einmalhandtuch-Rollen in die Halterung, auch wenn das die Aufgabe der Auszubildenden ist. Oder ich bekomme von meinem Kollegen mit, dass er wegen der Kinder eigentlich gerade dringend zu Hause gebraucht wird. So biete ich ihm an, dass er früher gehen kann und ich seine Arbeit dann mit erledige.

3. Hosentaschengebet

Mir geht es oft so, dass ich zwar morgens einen Bibeltext lese, ihn jedoch eine Stunde später mitsamt seinem Zuspruch schon wieder vergessen habe. Deshalb fing ich damit an, mir wichtige Bibelverse auf einen kleinen Zettel zu schreiben. Lange Verse kürzte ich auf die Kernbedeutung mit maximal 10 Worten. Diesen Bibelvers trug ich den ganzen Tag mit mir herum. Wenn ich bei der Arbeit an ihn dachte, betete ich ihn. Oder – was meistens der Fall war – ich konnte mich nicht mehr so recht an den genauen Wortlaut erinnern und holte ihn buchstäblich aus der Hosentasche. In meinem Leben habe ich keine Zeit erlebt, wo Gottes Wort so unmittelbar und so intensiv zu mir gesprochen hat. Es hat mich durch den Tag getragen.

4. Ich-Versteh-Dich-Nicht-Gebet

Jeder von uns hat so seine biografischen Knicke. Bei mir ist es der Verlust der geliebten Dozentenstelle, Depression mit Klinikaufenthalt, schwierige berufliche Neuorientierung und die Liquidierung meiner Import-Export-GmbH. In diesen Alptraum-Situationen hat mich ein Gebet von Mutter Basilea Schlink über Jahre tief geprägt: „Vater, ich verstehe dich nicht, aber ich vertraue dir. Du bist Liebe, nichts als Liebe.“ Ich weiß nicht, wie viele 1.000 Male ich das gebetet habe. Dieses Gebet half mir, den Fokus auf Gott, seine Liebe und seine liebende Führung zu legen und nicht auf mich selbst, meine Situation und meine Befindlichkeit zu schauen. Das gibt eine innere Ruhe im äußeren Sturm.

5. Das eigene Gebet finden

Der Fantasie, mit Gott zu kommunizieren, sind keine Grenzen gesetzt. Madeleine Delbrêl (1904-1964), Gründerin einer christlichen Gemeinschaft und Sozialarbeiterin in den tristen Vororten von Paris, zündete sich am Anfang einer Besprechung oft betont langsam eine Zigarette an. Nur durch einen Zufall wurde bekannt, dass dieser kurze Augenblick für sie eine Gebetszeit war. Was ist Ihre Zigarette? Gehen Sie einmal Ihren Alltag vom Aufstehen bis zum Zubettgehen durch. Wo sind da Situationen, die Ihnen zu schaffen machen? Wo gibt es Momente, die Sie innerlich bewegen? Wo wollen Sie Gottes Gegenwart mehr erleben? Wo wollen Sie verändert werden? Überlegen Sie, wie Sie in diesen Situationen aktiv Gebete einbauen können, die Ihnen helfen, sich auf Gott und seine Realität zu fokussieren.

6. Übung macht den Meister

Beten Sie so oft wie möglich. Und versuchen Sie, dabei Ihre Tätigkeit nicht zu unterbrechen. Beten und arbeiten Sie gleichzeitig. Tun Sie das, was Sie tun, mit voller Hingabe. Und da hinein beten Sie einen kurzen Gedanken. Diese Gleichzeitigkeit zu erlernen braucht seine Zeit, viel Zeit. Seien Sie geduldig mit sich selbst. Sie werden auch merken, dass sich die Worte des anfänglichen Gebets verändern. Beten verändert das Gebet. Am Anfang brauchen Sie natürlich mehr Willenskraft, später immer weniger. Üben Sie über Wochen und Monate hinweg, geben Sie nicht so schnell auf. Es gibt kein Versagen! Jesus sieht Ihre Sehnsucht. Hauptsache ist, dass Sie nicht aufhören! Oder nach dem Aufhören immer wieder zuversichtlich starten.

7. Ausprobieren, Wiederholen, Dranbleiben

Beten lernen mit Kurzgebeten hat viel mit Ausprobieren, Wiederholen, Gebetsunlust und Dranbleiben zu tun. Wir müssen etwas einsetzen, wir müssen uns selbst investieren. Menschlicher Einsatz und Gottes Gnade sind dabei kein Widerspruch. Das ist wie beim Segeln. Der Segler macht sein Schiff klar, setzt die Segel, aber über den Wind verfügt er nicht. Unser Teil ist es, die Sehnsucht nach unserem lebendigen Gott zu kultivieren, und Gottes Teil ist es, dass er in seiner Gnade, Güte und Liebe sich uns offenbart und uns seine Gegenwart schenkt. Und er tut nichts lieber als das!


Diesen Artikel schrieb Dr. Andreas Kusch in einer längeren Version für das Magazin MOVO (Ausgabe 04/2020). Das Männermagazin erscheint regelmäßig im SCM Bundes-Verlag gGmbH, zu dem auch amen.de gehört.